Containerliebe

Phillip Boa and the Voodooclub spielte 2008 in unserer Stadt. An die Vorbands erinnerte ich mich schon nicht mehr, ich musste sie eben googeln. Es waren Transmission (The Sound of Joy Division) aus Birmingham und On The Floor aus Hamburg. Sicher waren sie gut, allerdings kann es auch sein, dass ich sie gar nicht sah. 2008 ist lange her und der Tag erscheint mir ein schneller und verwischter gewesen zu sein. Trotzdem möchte ich erzählen, wovon ich noch weiß.

Phillip Boa war wohl schon immer mit Lüneburg verbunden. Meine Freundin wohnte damals in der Innenstadt über einer Videothek. Der Besitzer des Ladens war etwas kauzig und in den 80ern ein Grufti gewesen. Und er war ein guter Freund von Boa, hieß es. Darum kam er auch zu uns nach Lüneburg und spielte in der Disco, in der es immer am lautesten und am schönsten war.

Screenshot vom Eintrag zum Konzert in meinem ersten Blog

Als ich vom Konzert erfuhr oder den Entschluss fasste, hinzugehen, war es genau dieser Tag, an dem es stattfand. Ich weiß noch, wie ich meine Freundin Nies anrief, sie fragte, ob sie mit mir hingehen würde und dann die darauffolgenden zwei Stunden mit der Vorbereitung verbrachte. Irgendwas war an dem Tag, ganz vage weiß ich es noch. Wahrscheinlich ein Geburtstagsfest oder ein Auftritt mit dem Chor und wir baten schließlich jemanden aus Nies‘ Familie, uns am Abend zur Garage zu fahren.

Die Garage war eine Disco im Industriegebiet, die 2021 wegen der Corona-Lage schließen musste. In meiner Schreibtischschublade liegt ein Stück herausgebrochenes Mauerwerk von ihr. Wir haben dort schließlich unsere Jugend verbracht.

Als Nies und ich ankamen, hatten wir keine Tickets, sondern kamen so rein. Wir gingen an der Kasse vorbei, durch den kurzen Bereich zwischen Eingang und Garderobe. Von dort konnte man die Musik schon hören. Wir gaben unsere Jacken ab, gingen am Tischkicker vorbei und durch den ersten Raum, in dem es immer etwas kühler war. Hier war auch der Aufang zum zweiten Floor und zum Bistro und ein Nebenausgang führte in den rumpeligen Strandgarten. Die Garage sah aus wie eine Garage im Industrieviertel eben aussah: Mitten durch das Gebäude führten die stillgelegten Bahnschienen einer alten Zeit. Ein ausrangierter Traktor stand herum (oder hing er von der Decke?), ein alter Kühlschrank bot die Möglichkeit, seine Jacke zu verstauen, wenn man kein Geld für die Gardeobe ausgeben wollte. Einmal vergaß jemand seine Jacke darin und fand sie einen Monat später wieder. Sie war die ganze Zeit im Kühlschrank geblieben. Tarnnetze trafen auf Stracheldraht und Metalltreppen klapperten aufregend, sobald man sie betrat. Es war eine perfekte Kulisse für alternative Konzerte und Partys.

Wir gingen durch den Torbogen, durch den auch ein kleiner LKW gepasst hätte und der die ruhigeren Vorräume vom großen Floor trennte. Dort waren die Wände bemalt wie das Innere eines Aquariums und rechts, links und über einem auf erhöhten Ebenen standen goldbeschienene Bars. Auf dem Weg zur Tanzfläche wurde man immer umarmt; von Menschen und den Nischen, die sich auftaten. Wir hielten uns links und betraten die kleine Plattform, auf der wir meistens saßen, weil man von dort den besten Blick hatte, aber selbst etwas unterging.

Phillip Boa sang bereits, glaube ich, aber wissen tu ichs nicht. Ich glaube fast, wie ich das hier schreibe, dass wir zur Party danach wollten und das Konzert einfach mitnahmen. Er war Phillip Boa auf der Bühne, energiegeladen und massiv in seiner Weise, sich und seine Musik darzustellen. Dabei empfand ich mich wie eine Beobachterin seiner Grenzen; ich glaube, er war nicht der freundlichste Mensch auf der Bühne und als sie Container Love spielten, kündigte er es so an: Und hier ist das Lied, für das ihr alle gekommen seid. Gar nicht so falsch, irgendwie. Schön, dass sie es spielten, es ist ein gutes Lied und wir freuten uns, es zu hören. Boas Musik ist eine Zeitreise in junge Sommer und klamme Winter vergangener Zeiten. Aus dem Bauch heraus will ich behaupten, dass sie auf den meisten Grufti-Partys gespielt wurde und darum immer Teil meiner Welt sein wird.

Ich weiß noch, wie fröhlich das Publikum war. Gruftis sind ja bei aller Tiefgründigkeit sehr lustig und feierwütig, da darf man sie nicht unterschätzen. Die Schwarze Nacht (eine Lüneburger Institution für Schwarzkittel zu dieser Zeit) platzte an diesem Abend aus allen Nähten. Ob Boa ein bisschen mitgefeiert hat? Ich konnte ihn nach dem Auftritt nirgendwo mehr sehen. Aber gefühlt hab ich ihn. Jetzt grad wieder.

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Vielen Dank an meine Twitterfreundin Isa für den Impuls zu diesem Artikel. 💜

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