Kindern von Kunst erzählen

Letzte Woche räumte ich mein Regal für Fachbücher auf (naja, ich bemühte mich darum) und dabei fiel mir das Buch „Gustav Klimt. Märchen aus Farbe“ von Stephan Koja in die Hände. In den letzten zwölf Jahren habe ich immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zusammen gearbeitet und das in ganz unterschiedlichen Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit. Dabei bildete die Kunsterziehung und kulturelle Bildung immer wieder einen Schwerpunkt. Sogar so sehr, dass ich schließlich kulturelle & ästhetische Bildung studierte. Ich mag nämlich ganz besonders jene Momente, in denen sich Kunst und Bildung begegnen und Menschen selbst kreativ tätig werden oder sich intensiv mit Kunst beschäftigen.
Das Buch über Gustav Klimt nutzte ich einmal, um mit Kindern im Vorschulalter diesen Künstler besser kennen zu lernen und anschließend gemeinsam seinen Lebensbaum auf Packpapier zu malen.

Wenn man mit Kindern über Künstler*innen und ihre Kunst sprechen möchte, dann sind die kleinen Details wichtig, die die kunstschaffende Person für die Kinder zu jemandem Besonderen werden lassen.

Für die meisten Kinder ist es nicht sonderlich interessant, zu hören, welche Pinselform (rund, flach, gefächert, spitz, stumpf und so weiter…) die Künstlerin für ihre Malerei bevorzugt. Sehr interessant hingegen ist es, wenn die Künstlerin stets darauf besteht, Pinsel mit Borsten aus dichtem Maulwurfsfell zu verwenden.
Das mit dem Maulwurf habe ich mir jetzt nur ausgedacht, um meinem Punkt mehr Nachdruck zu verleihen. Wenn man mit Kindern spricht, sollte man sich so etwas nicht ausdenken. Außerdem muss man das gar nicht, denn die meisten Künstler*innen haben genügend Spleens, über die es sich zu reden lohnt. Wie zum Beispiel Gustav Klimt.

Im Folgenden ist eine kurze und kindgerechte schriftliche Vorstellung von Klimt als Mensch hinter den Bildern. Während man den Kindern von ihm erzählt (es ist ratsam, nicht zu sehr am Text zu kleben, sondern den Inhalt schon irgendwie aufgesogen zu haben, so dass man mehr erzählt und nicht steif vorträgt), kann man gemeinsam auf dem Boden ausgebreitete Bilder von ihm betrachten oder einen Bildband durchblättern.

Gustav Klimt ist Künstler. Er war ein Maler, der viele Bilder gemalt hat. Er wohnte zusammen mit seiner Mutter und zwei Schwestern in Wien, das liegt in Österreich. Jeden Morgen traf er sich mit seinen Freunden zum Frühstück. Er aß dann stets eine Portion Schlagsahne. Danach fuhr er mit seiner Kutsche in sein Atelier und arbeitete dort sehr lange an seinen Bildern. Gustav war ein sehr großzügiger Mensch. So gab er bedürftigen Menschen meistens eine Spende. Er war auch immer zu einem Scherz aufgelegt und sehr gesellig. Er hatte oft Besuch, ging gern Essen, dabei aß er immer zwei Portionen, und traf sich mit Freunden zum Kegeln. Während seiner Arbeit trug Gustav immer den gleichen Malerkittel, der selten oder sogar gar nicht gewaschen wurde. Auch liebte er Katzen sehr und hatte darum viele von ihnen in seinem Atelier. Wenn Gustav malte, dann malte er oft sogar an verschiedenen Bildern gleichzeitig und ließ sich dabei viel Zeit.

vgl. Stephan Koja: Gustav Klimt. Märchen aus Farbe.

Was habe ich gemacht? Aufgepasst:

  • Gustav Klimt ist Künstler, klar soweit. Er war Maler und zwar ein ziemlich produktiver. Er hat nicht allein gewohnt, sondern mit seiner Familie. Das heißt wohl, dass er ein ganz gutes Verhältnis zu ihnen hatte. Viele Kinder können das Zusammenleben mit Familie oder familienähnlichen Strukturen nachempfinden, das ist klasse. Denn so haben sie schon mal etwas mit dem Künstler gemeinsam.
  • Er aß Frühstück und zwar mit seinen Freundinnen und Freunden. Das ist ja nett! Wie in der KiTa. Und was aß er? Schlagsahne?! Wow.
  • Und dann fuhr er auch noch mit einer Kutsche. Das ist besonders. Zumindest für die heutige Zeit. Wer fährt schon Kutsche?
  • Er war großzügig, das zeigt, welch ein mitfühlender Mensch er außerdem war. Auch, dass er gern ausging und Besuch empfing, zeigt, wie gern er mit anderen Menschen zusammen war und sie offenbar auch gern mit ihm Zeit verbrachten.
  • Dann die Sache mit dem Malerkittel! Das war meistens ein Lacher für die Kinder. Kittel kannten sie aus der KiTa auch, und sich vorzustellen, dass ein erwachsener Mann immer den gleichen ungewaschenen Kittel trug, wirft ein ganz anderes Licht auf die Erwachsenen. Irgendwie unaufgeregt, oder?
  • Oh, und er kegelte gern, mochte Katzen und ließ sich viel Zeit beim Malen. Das sind ziemlich nahbare Eigenschaften, die den Künstler entmystifizieren und zu einem freundlichen Menschen machen, der viel mehr ist, als sein Genie und seine Kunstwerke.

Für Kinder ist es wichtig, etwas in den großen Menschen sehen zu können, das sie interessiert und auch ein bisschen amüsiert. Und ganz ehrlich: Wenn ich Schlagsahne in einer Glasschale sehe, muss ich hin und wieder an Klimt denken und stelle mir vor, wie er unter freiem Himmel mit seinen Freund*innen saß und sich gegönnt hat. Was ein Leben!

Wenn ihr also mit Kindern über Künstler*innen und ihre Kunst sprechen möchtet, dann schaut doch beim nächsten Mal nach den kleinen Besonderheiten, Ecken, Macken und Gewohnheiten, die euch selbst auch erheitern, wenn ihr über sie stolpert. Kaum etwas ist dröger, als schnöde Daten, wenn es um etwas so offenes wie bildende Kunst und ihre Erschaffer*innen geht. Also: Fragt euch, was die Künstler*innen gerne aßen, wo sie Urlaub machten und weshalb. Was ihr Hobby war, ob sie sich die Haare selbst schnitten, die Kleidung falsch herum trugen, sich mit Hunden umgaben, jodeln konnten oder sich gegen das Konzept von Wochentagen stellten. Irgendwas findet man immer, wenn man sucht, das ist so sicher wie die Zeitlosigkeit des Lebensbaumes.

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